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Mythos Netz
Netze, Vernetzung, Netzwerke, Netzneutralität, ... Wohl kaum eine Metapher wurde in der feuilletonistischen oder sozialwissenschaftlichen Debatte der letzten zehn oder fünfzehn Jahre dermaßen mit Inhalten aufgeladen, wenn nicht sogar überfrachtet, wie die des Netz(werk)s. Selten jedoch wurde darüber nachgedacht, was mit dem Begriff »Netz« überhaupt bezeichnet wird und ob ein Netzwerk als solches überhaupt neutral oder wünschenswert ist. Stattdessen finden sich steile Thesen von einer Entstofflichung des Kapitalismus oder dem vermeintlichen Übergang in eine Wissensgesellschaft, in der selbstverständlich alles mit allem und jeder mit jeder vernetzt und verbunden ist.
Rainer Fischbach ist hier bisweilen entschieden anderer Meinung und teilt den Optimismus vieler Feuilleton-Argumentatoren in keinster Weise. Der Unterschied zwischen Rainer Fischbach und beispielsweise André Gorz besteht nun aber in erster Linie darin, dass Fischbach mit den grundlegenden technischen Eigenschaften von Netzwerken bestens vertraut ist und weiß, worüber er schreibt. So zerlegt er im ersten Teil des Buchs (»Alte und neue Futuristen«) genüsslich und polemisch viele Sprechblasen (u.a. von Norbert Bolz, John Perry Barlow und vor allem Manuel Castells), die im revolutionären Gestus das Neue, Einzigartige und jetzige Besondere verkünden, selten aber einen wie auch immer gearteten Bezug auf die Realität herzustellen vermögen. Im zweiten, »Täuschende Bilder - fantastische Legenden« betitelten Teil werden einige der gröbsten Irrtümer über den Charakter und das Wesen von Netzwerken allgemein und dem Internet im Besonderen widerlegt und gerade gerückt. So auch die gerne kolportierte, aber nie belegte These von der Resistenz des Internet gegen einen Atomkrieg.
Manche nennen es Arbeit und nicht zuletzt der verstorbene Vordenker der SPD, Peter Glotz, wurde nicht müde, den Begriff des »Wissensarbeiters« immer wieder in die Diskussion zu bringen und das vermeintlich Neue in der derzeitigen Arbeitswelt zu betonen. Nun war Glotz im Gegensatz zu vielen anderen Apologeten einer vermuteten Entstofflichung des Warentausches nicht völlig blind, hat die nicht ungefährlichen Potenziale der neuen Techniken durchaus gesehen und in seiner Warnung vor der Zwei-Drittel-Gesellschaft auf den Punkt gebracht. Hier ist Fischbach noch deutlich skeptischer und untersucht im dritten Teil (»Fluchtpunkt der Kapitalbewegung«) die Auswirkungen des Netzwerkes auf die Wirtschaft im Allgemeinen. Der Teil ist bisweilen sehr polemisch geraten, enthält aber eine Fülle an wichtigen (und in meinen Augen richtigen) Einblicken und Analysen. Nicht zuletzt der Begriff der »Wissensarbeit« in einer digitalen Ökonomie wird einer kritischen Prüfung unterzogen und Fischbachs These ist, dass man das, was andere Arbeit nennen, durchaus auch als solche zu bezeichnen hat. Den großen qualitativen Unterschied zwischen dem Wissensarbeiter und der Putzfrau kann er hingegen nicht so ganz erkennen.
Der vierte und letzte Teil des Buchs widmet sich dann im größeren Rahmen den gesellschaftlichen Folgen, die mit einer weiteren Vernetzung der Lebenswelt einher gehen wird. Hier entfaltet Fischbach unter dem Titel »Logik der Agglomeration - Logik der Spaltung« seine Ansicht der Perspektiven und Tendenzen einer fortschreitenden Vernetzung der Lebens- und Arbeitswelt. Sein Blick ist skeptisch, wenn nicht gar pessimistisch.
Das Buch ist lesenswert, werden doch eine Vielzahl von Prämissen und Thesen, die in den aktuellen Debatten einfach vorausgesetzt werden, einer Prüfung unterzogen und noch einmal auf die Füße gestellt. Der bisweilen polemische Stil des Textes mag nicht jedermanns Sache sein, stellt den Gehalt der Thesen jedoch nicht in Abrede.
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